16.02.2025

Rückschau auf die Tagung "Ein Jahr ForuM - Kulturwandel im Fokus"

Am 14. und 15. Februar 2025 fand im nordfriesischen Breklum eine Tagung statt, die sich mit dem Kulturwandel zum Umgang mit sexualisierter Gewalt in evangelischen Institutionen beschäftigte, den die ForuM-Studie fordert. Hier erfahren Sie mehr zu Inhalt und Ergebnissen der Tagung.

Ein Rückblick auf die Tagung: "Ein Jahr ForuM- Kulturwandel im Fokus" in Breklum

 

Ein Jahr nach dem Erscheinen der ForuM-Studie stellte sich die Tagung „Ein Jahr ForuM- Kulturwandel im Fokus“ mit insgesamt 60 Teilnehmenden inklusive Referent*innen der Frage: Welchen Kulturwandel braucht es in Theorie und Praxis? 

Eingeladen zum Austausch und Weiterdenken hatten das Christian Jensen Kolleg in Breklum, die Evangelische Akademie der Nordkirche sowie die Stabsstelle Prävention – Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt der Nordkirche. Kooperationspartner waren auch der Kirchenkreis Nordfriesland und die Offene Kirche St. Nikolai in Kiel.

Im Wechsel: Fachvorträge, Arbeitsphasen und Austausch

Geprägt wurde die Tagung von wissenschaftlichen Vorträgen, Diskussionszeiten im Plenum und der Weiterarbeit in Gruppenarbeitsphasen. Der erste Tag war theoretischen Analysen gewidmet: Auf einen Vortrag zu weiteren Studienergebnissen des Teilprojektes D der ForuM-Studie folgte eine tiefe Analyse theologischer Anfragen und Aufgaben. Am zweiten Tag lag der Schwerpunkt auf der Praxis des Kulturwandels, mit Einblick in konkrete Projekte, mit Blick auf gute Praxis, aber auch Hürden und Herausforderungen. Immer wieder gelang ein perspektivenreicher wie kontroverser Austausch im Plenum.

Teilnehmende bringen eine Vielzahl von Perspektiven ein

Das Plenum spiegelte ein großes Spektrum an Perspektiven wider: Betroffene Menschen teilten ihre Erfahrungen, übten Kritik und stellten Forderungen. Ebenfalls teil nahmen eine große Zahl an Fachkräften aus Prävention, Intervention und Aufarbeitung in der Nordkirche sowie aus Fachstellen anderer Landeskirchen, ebenso kirchlich Mitarbeitende wie Pastor*innen und Leitende der Nordkirche.

Eine zentrale Forderung war das stetige Aushandeln und der Einbezug von betroffenen Menschen in den Kulturwandel. Gefordert wurde auch eine tiefgreifende und vor allem von Leitenden getragene Verantwortungsübernahme, Einsicht und konsequentes Handeln. Erkennbar sei Kulturwandel in der sichtbaren Veränderung in der Gestaltung des Glaubens und am konkreten Umgang mit Taten und mit betroffenen Menschen in der Kirche. 

Perspektiven aus Vorträgen und Diskussion im Auszug 
 
  • Nach der Begrüßung durch Maike Lauther-Pohl, kommissarische Leiterin der Evangelischen Akademie der Nordkirche und durch Anke Fasse, Theologische Leiterin des Christian Jensen Kollegs, zog Katharina Seiler als Leiterin der Stabsstelle Prävention – Fachstelle gegen sexualisierte Gewalt der Nordkirche Bilanz aus 15 Jahren Prävention und den Erkenntnissen der ForuM-Studie: 

    Einerseits habe die Nordkirche viel erreicht, denn 30 Personen arbeiteten mittlerweile in der Prävention und Intervention sexualisierter Gewalt, es seien Pastor*innen und Personen, die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, heute flächendeckend zum Umgang mit sexualisierter Gewalt fortgebildet. Ebenso gilt ein Abstinenz- und Abstandsgebot für alle Mitarbeitenden und die Pflicht für Gemeinden, Schutzkonzepte zu erstellen.

    Andererseits, so betonte sie, müssten alle kirchlich Beteiligten „mitten durch den Schmerz hindurch“ – zuerst den der Betroffenen und dann den eigenen. Denn es gelte anzuerkennen, was in der Kirche geschehen und möglich sei. Prävention dürfe keine freiwillige Maßnahme sein, betonte Seiler, genügend Ressourcen dafür zu stellen ein Muss. 
    Sie mahnte an, dass zentrale Begriffe des Glaubens wie Barmherzigkeit, Nächstenliebe und Geschwisterlichkeit unter dem Eindruck der geschehenen Gewalt neu definiert werden müssten – in Achtung ihrer Chancen, aber auch der Risikofaktoren, die sie mitbrächten, und in steter Achtung von Grenzen des jeweiligen Gegenübers.
     
  • Nancy Janz forderte aus Betroffenenperspektive, dass es zugleich immer wieder nötig sei, die Stimmen der Menschen, die Leid erfahren haben, mitzunehmen und in der Kirche hörbar zu machen. Sie fragte, an welcher Stelle diese Stimmen aufgenommen würden – auch die Stimmen der Menschen, die nicht partizipieren könnten an Tagungen und Foren. Sie mahnte Zahlungen an, die konkretes Leid lindern könnten.
     
  • Amina Shah, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sexualforschung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), Mitautorin im Teilprojekt D der ForuM-Studie, stellte eine tiefergreifende, bislang unveröffentlichte Analyse der untersuchten Täterstrategien vor. Sie wertete Zitate aus den Interviews mit betroffenen Personen aus, die eindrucksvoll zeigen, wie Täter sowohl strukturelle Asymmetrien, Macht- und Glaubenskonzepte nutzen, um Opfer zu finden, deren Wahrnehmung sowie die Wahrnehmung des Umfelds zu verwirren und sie ans Schweigen zu binden. Sichtbar wurden so die begünstigenden Strukturen des evangelischen Kontextes, wie mangelnde Aufsicht über Pastor*innen, fehlende institutionelle Regeln im Umgang, die Ausnutzung religiöser Konzepte.
     
  • In der nachfolgenden Diskussion standen die Fragen nach Ressourcen und Regeln sowie die Forderung, sich immer wieder dem externen Blick durch Fachleute und betroffene Menschen zu stellen, im Zentrum. Zentral war die Frage: Wenn alle in der Kirche erreicht werden sollen – wie kann es gelingen, allen die hohe Relevanz des Themas deutlich zu machen?
     
  • Professor Reiner Anselm, Professor für Theologie und Ethik an der Ludwig-Maximilians-Universität in München befragte die Ambivalenzen des Glaubens bezüglich sexualisierter Gewalt: Was ist für die theologische Aufarbeitung der Bedingungsfaktoren sexualisierter Gewalt notwendig? 
    Dem Ideal, dass in der christlichen Gemeinschaft keine Kontrolle nötig sei, weil Beziehungen auf Basis von Vertrauen gelebt würden, setzte er entgegen, dass Ordnung und Kontrolle in Form „institutioneller Sicherungsmaßnahmen“ nötig seien. Aus der Idee, dass Kirche als eine Art „Gegengesellschaft mit hohem inneren Solidarisierungscharakter“ gelebt wird, erwachse die Gefahr, dass die Gemeinschaftssemantiken missbraucht würden. 
    Er appellierte, die Schattenseiten theologischer Begriffe zu erkunden. Es sei eine große Gefahr, das Gott-Mensch-Verhältnis etwa in der Vergebung auf mensch-menschliche Beziehungen zu übertragen: Unter irdischen Bedingungen müssen weltliche Gesetze unter Menschen gelten. Er forderte eine neue Ethik der Nähe: es müsse neu austariert werden, welche Nähe akzeptabel sei, und welche nicht.

     
  • In der Diskussion wurde die Perspektive Betroffener eingefordert, mangelnder Umgang kritisiert und Achtsamkeit angemahnt. Es wurde über weitere Formate für ihre Beteiligung, auch auf Tagungen und Austausch an Orten fern von kirchlichen Zusammenhängen nachgedacht. Für den Kulturwandel wurden Bilder gefunden wie das Leerräumen eines Schrankes mit Überprüfung aller Inhalte, Wind von Außen, ein Gang durch die Wüste. Und ist „Kulturwandel“ überhaupt ein stimmiger Begriff? Immer wieder wurden die Fragen gestellt: Wer initiiert den Kulturwandel? Wer trägt ihn? Wie bekennen sich Leitende dazu? Wie werden wirklich alle erreicht? 
     
  • Am zweiten Tagungstag stellte Nancy Janz, Sprecherin der Betroffenenvertretung im Beteiligungsforum der EKD und Mitarbeiterin der Bremischen Landeskirche die Frage, wie Kulturwandel praktisch aussehen könne. Sie berichtete von einer Veranstaltungsreihe der Bremischen Kirche unter dem Namen „# kein Platz für Gewalt“ im Jahr 2023 mit Materialien und vielen Veranstaltungen. Denn es gelte, viele Zielgruppen zu erreichen. Stark war die Wirkung sichtbarer Zeichen: Vor der Kirche aufgestellt wurde eine orangefarbene Sitzbank in Überlänge mit der Aufschrift „# kein Platz für Gewalt“, und parallel Miniaturbänke für den Schreibtisch verteilt. Beides machte Haltung sichtbar und wurde zum stetigen Anlass zum Gespräch über das Thema.
     
  • Drei Praxisbeispiele boten Einblick in Kulturwandel vor Ort in der Nordkirche, in gelingende Prozesse, aber auch Erfahrungen mit Hürden und noch offenen Anforderungen. 
    Kita-Fachberaterin Petra Neumann, die 600 Fachkräfte in 44 evangelischen Kindertagesstätten berät und qualifiziert, nahm Kinder und ihre Rechte, Partizipation und Ebenbürtigkeit in den Blick. Prävention bedeute, dass die Rechte von und ihr Einfluss gestärkt werden müssten. 
    Aus der Gemeinde Meldorf berichtete Pastorin Katja Hose von zwei unterschiedlichen, gelungenen gemeindlichen Schutzkonzeptprozessen, zog zugleich Schlüsse für die weitere Arbeit. 
    Pastorin Maren Schmidt von der Kirche St. Nikolai, Kiel, berichtete von der intensiven Arbeit für einen Gottesdienst zum Thema sexualisierte Gewalt.
     

Die Diskussion im Anschluss war geprägt von der Frage: Wer wandelt die Kirche? Leitende, Theologie, jeder Einzelne? Nancy Janz forderte, die evangelische Kirche müsse bereit sein, ihre eigenen Strukturen kritisch zu hinterfragen und Hierarchien neu zu denken. Neben einem Umfeld, in dem Transparenz und klare Verantwortlichkeiten aktiv gelebt werden, sei Engagement aller Ebenen erforderlich: Jede Gemeinde, jedes Gremium und jede Führungskraft muß den Wandel mittragen, damit er nachhaltig wirkt. Dennoch sei in Momenten, in denen nicht verfügbar sei, wer mitgehe deine gute Frage: Was können wir jetzt tun? Statt möglicherweise entmutigt stehen zu bleiben, gelte es, Lösungen zu finden, ohne den Weg in Gänze zu kennen. Denn: Es gehe ja nur mit denen, die da seien und sich engagierten. Als zentrales Kraftfeld sei aber der stete Druck von Betroffenen nötig, war ihr Fazit.

Als wissenschaftliches Fazit

Vielleicht vermittelt das Fazit, dass Psychologin Amina Shah von Institut für Sexualforschung des Universitätskrankenhauses Eppendorf am Abschluss ihres Vortrages am ersten Nachmittag zog, ein gutes Gesamtbild. Die ForuM-Forscherin leitete drei große praktische Aufgaben ab, die für Kulturwandel und eine klare Haltung gegenüber der immerwährenden Gefahr sexualisierter Gewalt in der Institution fest verankert werden müssen: 

  1. Die nötige Wissensvermittlung durch regelmäßige Schulungen aller in der Kirche, auch partizipativ für die Zielgruppen des Handelns wie Kinder und Jugendliche.
  2. Umfassende Orientierung kirchlicher Mitarbeitenden durch klare Regeln, Grenzsetzungen und Konsequenzen für grenzverletzendes Handeln.
  3. Eine dauerhafte Reflexion und Evaluation der Prävention.

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Die Teilnehmenden erhalten eine Dokumentation der Vorträge. 
Darüber hinaus ist eine epd-Dokumentation der Tagung geplant.

Text: Christiane Kolb, Stabsstelle Prävention